An einer Grundschule in Hagen weigert sich eine Lehrerin (Zeitungsartikel online nicht mehr verfügbar), einem sechsjährigen Schüler mit Diabetes beim Ablesen des Blutzuckermessergebnisses zu helfen. Sie fürchtet eine falsche Entscheidung zu treffen, die jedoch von ihr nicht getroffen werden muss. Der Junge braucht nur Hilfe beim Ablesen der Zahlen, die – wie bei der Einschulung verständlich – noch nicht hundertprozentig sitzen. Denn dabei geht es nicht um Zahlen von 1 bis 10, sondern um einen BZ (Blutzucker) der im optimalen Fall zwischen ca. 95 und 120 liegen sollte. Den optimalen Fall gibt es bei Kinder aber nur sehr selten.
Die Lehrerin möchte die Verantwortung nicht übernehmen, ob der Junge nun das BE (Kohlenhydrate)-freie Essen aus der roten Dose bei einem zu hohen Wert oder die BE-reiche Nahrung aus der gelben Dose bei einem zu niedrigen oder optimalen Wert zu sich nehmen darf.
Sind Lehrer nicht grundsätzlich in einer Position, in der sie Verantwortung für rund 20 bis 30 Kinder übernehmen? In dem Moment, in dem sie sich für den Beruf mit anderen Menschen – mit Kindern – entscheiden, tragen sie Verantwortung. Wenn sie sich dazu nicht in der Lage sehen, sollten sie einen anderen Beruf erlernen. Niemand wird ihnen das übel nehmen. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass nicht nur Lehrer, sondern wir Erwachsene im Allgemeinen Verantwortung gegenüber unseren Kindern tragen. Dabei geht es nicht immer darum über alles Bescheid zu wissen, aber den Mut zu haben, zu helfen und einzugreifen.
Beispiel:
Streiten sich zwei Kinder auf der Straße, beobachte ich einen Moment die Situation und schätze ab, ob es sich nur um eine kleine Rauferei unter Freunden oder eine handfeste Schlägerei handelt. Bei Letzterem gehe ich dazwischen.
Ein Kind schellt bei mir, es hat Angst. Sie sagt, zwei größere Mädchen verfolgen sie und wollen sie verhauen. Ich gehe mit dem Kind auf die Straße, nehme mir die Mädels zur Brust und begleite das Kind ein Stück nach Hause.
Ein Kind fällt hin, es blutet. Ich reiche ihm die Hand und tröste es.
Oder: Die große Schwester möchte ihrem Bruder eine Freude bereiten und gibt eine Anzeige auf. Ich reagiere und helfe ihr, weil es mir möglich ist. (Blogeintrag ->“Polizei hat Thorstens Wunsch erfüllt.“) Das sind keine haltlosen Beispiele, sondern Tatsachenberichte.
Aber zurück zum Thema, denn ich will hier nicht aufzeigen, wie toll ich bin, denn das bin ich nicht. Ich halte manche Vorgehensweise nur für selbstverständlich im Leben miteinander und doch sollte auch ich noch mehr hingucken und reagieren.
Ich verstehe die Angst der Lehrerin, aber anstatt von vornherein nein zu sagen, sollte sie sich informieren. Viele der Kinder-Diabetologen sind bereit, eine Schulung für Lehrer oder Erzieher durchzuführen. Es gibt heute Broschüren speziell für die Schule oder den Kindergarten. Und ein enger Kontakt zwischen Lehrer und Eltern ist in der Grundschule eh meist gefragt.
Diabetes ist nicht tödlich! Ein Kind, das so stark unter- oder überzuckert und ins Koma fällt, stirbt nicht, wenn ihm schnell geholfen wird. Aber wenn sich die Lehrerin gar nicht damit beschäftigt, handelt sie möglicherweise völlig falsch in solch einer Situation.
Diabetes ist auch nicht ansteckend.
Aber Diabetes macht dich – macht unsere Kinder – zum Außenseiter, wenn Ignoranz und Ablehnung, geboren aus Unwissenheit, weiter zur Tugend wird. Ein Außenseiter schon in der Grundschule zu sein, ist für ein Kind eine kaum erträgliche Last. Diese Position begleitet es sein ganzes Leben, und es wird dem Kind nur schwer gelingen, den Diabetes als etwas anzusehen, das zu ihm gehört.
Die Kommentare unter dem oben erwähnten Artikel zeigen, wie viele Leute dort keine Ahnung von Diabetes haben. Wie wenig sie über die Psyche eines diabetischen Kindes – oder eines Kindes überhaupt wissen. Das ist erschreckender, als die Tatsache, dass die Lehrerin erst einmal abblockt.
Meine Tochter war acht, als sie an Diabetes erkrankte. Sie war bereits in der Schule. Wir wurden genauso damit konfrontiert wie die Lehrer. Wir müssten alle lernen, mit der Situation umzugehen. Wir als Familie deutlich mehr, als die Verantwortlichen in der Schule. (Siehe –> »Erfahrungsbericht: Diabetes«)
Unserer Lehrer stellten sich der Verantwortung im gewissen Rahmen. Sie hatten stets Traubenzucker in der Tasche oder im Pult liegen, falls meine Tochter unterzuckerte. Manchmal telefonierten wir miteinander, um in Kontakt zu bleiben. Unsere Tochter bekam ein Handy, das sie im Notfall oder wenn sie nicht wusste wie sie mit einem Wert umgehen sollte, benutzen durfte.
Einzig an der Klassenfahrt und bei einem Ausflug durfte sie nicht teilnehmen – wegen der Verantwortung. Ich verstehe das, auf der einen Seite. Und doch wurde meine Tochter so noch tiefer in die Außenseiterposition geschoben, in der sie sich schon deshalb fühlte, weil sie mit einem Mal anders als andere Kinder war.
Mein Vorschlag: Eltern, Lehrerin, Rektor, Schüler und Diabetologe sollten sich einmal zusammensetzen. Die Lehrerin wird sehen, dass ihre Verantwortung minimal ist und sie an dieser Erfahrung wachsen kann. Verantwortung trägt sie immer – für alle ihre Kinder in der Klasse, egal ob krank, behindert, chronisch erkrankt oder dauerhaft gesund. Und die Eltern können ebenfalls nur profitieren, denn vielleicht fallen der Lehrerin aus ihrem pädagogischen Wissen ein paar Tricks, entsprechend umgesetzt, zum Bewältigen eines – dieses – Problems ein.
Bitte unterstützt euch gegenseitig und bekämpft euch nicht – ihr handelt für diesen Jungen und für alle anderen chronisch kranken Kinder, die sich ihre Krankheit nicht ausgesucht haben.
Helft ihnen normal zu sein – nicht anders.
Bitte vergesst das nicht!
Links zum Thema:
- Der Artikel „Lehrerin will Erstklässler mit Diabetes nicht helfen“, Der Westen.de, 23.08.2009
- Diabetes-Kids.de – Die Website für Eltern mit diabetischen Kindern
Links hier im Blog/Website zum Thema:
Letzte Aktualisierung / Links: 11.12.2016